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archiviert.
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- Aktuell
Big Sexy Noise (Stuttgart, 15.3.11)
- Burn Baby Burn (München,
16.3.11) - Ceremony (Balingen,
13.4.11) - Christy & Emily (Ravensburg,
26.3.11) - Clap Your Hands Twice (Balingen,
22.1.11) - Einstürzende Neubauten (München,
30./31.5.11) - P.J. Harvey (8.7.11
München) - HTRK (London,
24.10.11) - Hysterese (Balingen, 22.1.11)
- Liberty Madness (Balingen, 22.1.11)
- Lost Rivers (Balingen, 13.4.11)
- Pub La Bomba (Balingen, 12.3.11)
- Wovenhand (Freiburg, 16.4.11)
- Yesterday Shop (Balingen, 15.4.11)
| Mo. 24.10.11 |
HTRK
- London, The Garage (200
Zuschauer)
London Release Party für die dritte Platte der ursprünglich
in Melbourne ansässigen Band, deren Sängerin Jonnine
die Frau des Devastations-Sängers Conrad Standish ist.
HTRK verbinden New Wave und Industrial, sind mittlerweile
sehr elektronisch, noch düsterer als auf der letzten
Platte und während des letzten
Konzerts auf dem ich sie gesehen habe, was daran liegen
kann, dass die Songs zu dieser Platte während der Trauerphase
über ihren gestorbenen Bassisten entstanden sind.
Nachwievor wabern, kratzen, flirren, stören und schweben
die grundlegenden Sounds, der kernige Bass, der sie aber in
Formen gegossen hatte, fehlt völlig. Dafür brummt
ein elektronisches Relais, meist so extrem, dass mir, als
ich mir an der Bar auf der oberen Etage ein Bier holte, die
Fusssohlen vibrierten. Jonnines Gesang ist weiterhin kein
Gesang, sondern nur ein völlig gleichbleibendes Aufsagen
von merkwürdigen Texten, meist repetativ, wenige Zeilen
oder gar nur Worte. Gelegentlich haut sie dazu auf ein (mittlerweile
elektronisches) Tom.
Das Ganze ist sehr düster und schafft eine intensive
Atmosphäre, die trotz der Eintönigkeit, oder gerade
deswegen, einnimmt. Die Musiker fühlen. Was nach aussen
wie Kälte und Coolness ankommt, ist tiefes Gefühl,
was die Besonderheit und Einzigartigkeit der Band ausmacht,
dieses Etwas, das niemand erklären kann.
Die Meute war vorallem auch cool und stylish. Offensichtlich
zu cool um zu applaudieren, denn das taten nur etwa ein Drittel
(von der Lautstärke und den umstehenden Genossen zu urteilen).
Der Laden war geschätzte dreiviertel voll und alle sahen
gebannt zu, doch geklatscht hat kaum einer und als es dann
schnell und plötzlich vorbei war und die beiden sich
fast grusslos verdrückten (hey, war das nicht ihre Releaseparty?),
war auch innerhalb von 10 Minuten niemand mehr im Saal. Merkwürdig.
War das, weil es Montag war, war das weil irgendwas an diesem
Abend schief gelaufen war?
Über Conrad, der den Merch schmiss, fand Nathalie heraus,
dass sich alles extrem verzögert hatte und HTRK (sprich
Haterock) vermutlich auch nicht ihr geplantes Set spielen
konnten. Machte uns nix, da wir eh zu spät und daher
gerade recht zu HTRK kamen.
Mir sind sie zu elektronisch geworden, das Düstere und
Eintönige ist ok, aber auch die elektronische Trommel
verliert ihren Wumms-Moment. Die Pauke mit Schlegel machte
da früher wesentlich mehr her.
HTRK ist aber ohne Zweifel gerade einer der ganz angesagten,
wenn auch noch tief im Underground, Bands in London. Das Coole
und Abweisende kommt hier ziemlich gut an. Als kommerziell
wird man HTRK auch kaum bezeichnen können. Daher werden
sie Underground bleiben, wenn sie nicht gefälligere Elemente
verwenden wollen, was die Herren Kickin Ass natürlich
gut heissen. Für mich ist es auch etwas arty und das
gefällt mir eben grade.
(Ralf, 25.10.11)
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| Fr. 08.07.11 |
P.J.
Harvey - München,
Circus Krone (2000 Zuschauer)
Ich bin ja ein Spätbewunderer der ungewöhnlichen
britischen Lyrikerin, Sängerin, Komponistin, Gitarristin,
Pianistin und seinem neuestem Autoharpistin (oder wie sagt
man?). Und ich bin auch eher ein Bewunderer ihres Spätwerks.
Ihre ruhigeren, unpopuläreren Momente gefallen mir
wesentlich besser als ihre modern-rockigeren.
So ist das Urteil zu diesem Konzert auch schnell in Worte
gefasst: Purer Wahnsinn in jeder Hinsicht!
Man könnte sich lange darüber auslassen, wie wunderschön
Bühnenbild, Polly-Jeans Kleid und natürlich auch
die ganze musikalische Darbietung waren, die sich selbstverständlich
vorwiegend auf das aktuelle Werk "Let England Shake"
konzentrierte. Ich möchte aber hier vorallem auf einen
Punkt eingehen, der sich gleichermassen durch die Platte
wie auch durch die Livedarbietung zog:
Dieser leise, unaufdringliche, bescheidene, zarte und wenig
effekthascherische Sound von "Let England Shake" ist ein
Weg, den ich mir wieder verstärkt in der populären Musik
wünschen würde, steht er doch in starkem Kontrast zur
Übertreibung und Superlativen-Hetze, die die Welt und
natürlich auch die Welt der Musik heutzutage beherrscht.
Aktuelle musikalische Werke werden bis zum letzten Quentchen
nach oben gemastert, Hauptsache lauter, fetter, brutaler.
Sogar ein Nick Cave sucht sein Glück derzeit mit dem
Holzhammer und da tut es besonders gut, ehemalige Mitstreiter
und ähnlich gesinnte Geister wieder Wege der Besinnlichkeit
(Let England Shake wurde auch in Dorset in einer alten Kirche
aufgenommen) beschreiten zu sehen, was keineswegs zu geringerer
Kreativität und Qualität führt, im Gegenteil.
Die Konzentration aufs Eigentliche, der Rückzug ins
Leise, wird hier wieder gesucht, während alle anderen
sich gequält um noch extremere Aussenwirkung bemühen
und nur noch mit Pauken und Trompeten um ein schon völlig
betäubtes Publikum buhlen.
PJ Harvey, die sich ihrer Aussenwahrnehmung natürlich
absolut bewusst ist und auch gezielt damit arbeitet, setzt
sie aber eben auf eine Art und Weise ein, die es ihr erlaubt,
das ganze Konzert über nur wenige Schritte zu gehen.
Nämlich die aus dem Dunkel ins Licht und wieder zurück.
Ihr phantasievolles Kleid ist effektvoll, erstaunt, fasziniert,
erschlägt aber nicht.
Daneben die Herren Mitstreiter. Gestandene aber bescheidene
Männer, die das Licht nicht mehr brauchen oder noch
nie gewollt haben, ohne die das alles aber nicht möglich
gewesen wäre. Es sind nur drei, mehr braucht es nicht.
Die gleiche kleine Gemeinschaft, die die Platte aufgenommen
hat und nun den Saal bannt: John Parish, PJs langjähriger
Patron an Gitarre und Tasteninstrumenten, der aber fast
verschwindet neben dem grossen Unscheinbaren: Mick Harvey,
dessen Einfluss auf diese und andere Musiken niemals hoch
genug eingeschätzt werden kann, da er gerne aus der
Tiefe wirkt und das Rampenlicht ihm, auch im Circus Krone,
eher unangenehm ist. Wenn sie am Ende dastehen und beklatscht
werden, windet er den Hals im Kragen, zieht Augen und Brauen
zusammen und hofft, dass das gleich aufhört.
Der dritte im Bunde ist der Drummer Jean-Marc Butty, optisch
durch seine hingebungsvolle Art sehr auffällig aber
total unaufdringlich. Diese Band vermittelt neben Sympathie
und Kraft auch Wahrheit, das abhandengekommene Gut.
Let England Shake ist eine der fruchtbarsten Kollaborationen
des Jahres 2010, das Konzert dazu ein Schmaus. Sehr schön
auch die Kurzfilme von Seamus Murphy zum Album.
Achja und nochwas: Lost Rivers nach dem Konzert getroffen.
Tja, gute Leute wissen halt was gut ist.

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| Mo. 30.05.11 Di. 31.05.11 |
Three
Decades of Einstürzende Neubauten - Doppel-Event
- München,
Muffathalle (Mo. ca. 1000 Zuschauer, Di.
ca. 350 Zuschauer) (Das Foto ist nicht vom
Konzert in München, sondern by Gorismu, Finland, sah
aber bei uns genau gleich aus..)
30 Jahre Neubauten, ein zweitägiges Ereignis mit einem
normalen Konzert am ersten Tag, einem Konzert mit einer
besonderen Songauswahl am zweiten Tag, dazu Konzerte von
Solo-Projekten, die in jeder Stadt neu zusammengestellt
wurden.
30 Jahre Neubauten und wer weiss wielange noch. Daher war
dies hier Pflicht für mich, sind die Neubauten doch
seit auch schon über 20 Jahren meine Lieblings-Live-Band.
Erster Abend: Blixa und Alex kommen schwerbäuchig
und barfüssig auf die Bühne stolziert und spielen
sich durch ein "ganz normales" aktuelles Liveset,
das grösstenteils aus jüngeren Songs besteht.
Nicht anders als in den letzten Jahren live von den Neubauten
zu hören.
Alles ist wie immer. Blixa grantelt herablassend und cretinierend
an den Monitormixer und den Einwürfen des Publikums
herum. Dass der nach sovielen Jahren immer noch nicht an
den heraufgeschrieen Kommentaren aufreibt, provoziert das
Volk ja geradezu und steht auch immer noch im Kontrast zu
seinem überheblichen Auftreten. Es nimmt schon Wunder
und hat eigentlich was Peinliches, das ihn aber umso liebenswerter
macht. Das fiel mir diesmal eigentlich zum erstenmal so
ganz intensiv auf: wie unbedingt meine Sympathie für
diese Personen ist, die die Einstürzenden Neubauten
sind. Nach so vielen Jahren kommen die einem vor wie vertraute
Freunde. Ich liebe jeden von ihnen mit ganzem Herzen, stark
und unfehlbar. Diese Band ist seit so unglaublich vielen
Jahren das Wertvollste, das Wichtigste, das Beste, das so
fast einzig Aussprechliche, was deutsche populär-musikalische
Hochkultur zu bieten hat. Ohne die Neubauten wäre Deutschland
tot. Maustot.
Man muss sie einfach auch live gesehen haben, um den Sound
überhaupt mal zu verstehen. Das kriegt ja keine Platte
auf keiner Hausstereoanlage so übertragen. Diese vollen
tiefen Töne, auch wenn nur eine Glocke angeschlagen
wird. Das hat etwas Ehernes, Archaisches, Verfeinerndes.
Du sinkst da völlig hinein, wirst als Mensch unwichtig.
Bei "Nagorny Karabach" vom noch aktuellen Album
"Alles wieder offen" bekomme ich eine Gänsehaut,
die mir vom Genick bis in die Beine zieht, dass ich eine
ganze Weile nicht mehr aufhöre zu frieren. Das sind
sie. MEINE Neubauten.
Nachdem ich es etwa eine Stunde nahe der Bühne (fast
sogar die Position des Fotos) und in ner Menge nicht ausschliesslich
sympathischer Münchner ausgehalten habe, wird mir der
Durst unerträglich und ausserdem habe ich meinen Platz
zu weit links vor der Bühne gewählt. Ich kann
Unruh nicht sehen und natürlich will man ihn sehen,
die gute Seele der Band, der, wenn er mal richtig loslegt,
die halbe Bühne im Staub versinken lässt, dass
sich sogar Bargeld umdreht und zufrieden nickt.
Also beschliesse ich, den Platz zu wechseln und mir die
Sache von einer anderen Seite anzusehen. Als ich mich nach
hinten durchkämpfe wird mir klar, dass der Laden bis
zum allerletzten Platz voll ist. Erst zwei Meter vor der
Bar wird das Leib-an-Leib etwas aufgelockert. Die Seite
zu wechseln ist unmöglich. Also trinke ich viele Biere
in Barnähe und dränge mich immer soweit in die
Menge, dass mich vorbeipressende bayerische Saumägen
nicht umrammen.
Die Neubauten spielen inklusive zwei Zugabenblöcken
zweieinhalb Stunden. Am Ende des ersten Zugabenblocks "Silence
is Sexy" denke ich noch, dass sie es schaffen, sie
schaffen es, sie schaffen es, sie schaffen es, sie schaffen
es 1000 Leute zum Schweigen zu bringen. Doch dann schreien
halt doch fünf Deppen in die halbminütige Stille
hinein. Ich meine ... es geht einfach nicht: Man kann nicht
tausend Leute stillhalten. Da sind immer ein paar drin,
die halten das einfach nicht aus. Aber es hat aber immerhin
fast funktioniert. Als sie zur zweiten Zugabe reinkommen,
echauffiert sich Bargeld erstmal grandios und völlig
unsinnig darüber. Wie konservativ die Münchner
denn sein müssen, dass sie es nicht schaffen, diese
fünf Typen auszusortieren, auf die Fresse zu hauen
... Hätten sie vorher gewusst, welches die Typen sind,
die dann losschreien werden, die Münchner, inklusive
aller Nichtmünchner, ich, viele Italiener, Spanier
und sonstwas für Sprachen ich wahrgenommen habe, hätten
sie das bestimmt getan, lieber Blixa.
Dann ist es aus. Ich warte bis der Saal fast leer ist. Trinke
noch drei Biere und sinniere darüber, wie sehr es für
die Qualität der Neubauten spricht, dass sie trotz
ihrer Vorbildfunktion, ihres Kultstatus, absolut unkopiert
geblieben sind. Alle guten Kapellen vergehen doch daran,
dass ihre Kopien schlechter und berühmter sind als
sie selbst und irgendwann keiner mehr weiss, wie das eigentlich
anfing. Eine derartige Konfrontation ist den Neubauten komplett
erspart geblieben. Und das ist ein weiterer Punkt für
ihre sprichwörtliche Einzigartigkeit.
Dann torkle ich von dannen, verirre mich glückselig
und schwertrunken.
Zweiter Abend: Erst Tage
später im Internet wird mir klar, warum an diesem zweiten
Abend nicht halb soviele Leute da sind wie am ersten. Hätte
ich selbst nur die Möglichkeit gehabt an einem Abend
teilzuhaben, hätte ich den zweiten erwählt, aber
die Ankündigung, das sei "gar kein richtiges"
Konzert liess wohl viele Leute abschrecken. Warum auch immer.
Ich kann mich wohl nicht in jemanden reinversetzen, der
die Neubauten noch nie gesehen hat.
Ich war wieder zeitig da und suchte diesmal auszuchecken,
obs nicht im Cafe ein besseres Bier gab als im Saal. Volltreffer.
Genau dem war so. Hier gabs auch das Dunkle, dem ich so
wohlgesonnen bin. Und während ich noch das zweite schlürfte
und nur ganz wenige Menschen die Luft wegatmeten, wurde
ein Film angeworfen, der kommentarlos und ohne für
mich erkennbaren Zusammenhang, zumindest ohne Chronologie,
allerlei Neubauten-Dokumente zusammenfasste. Auch bisher
nicht Gesehenes. Daher blieb ich hier noch auf weitere Dunkle
und liess mir selbst vor Augen führen was ich an den
Neubauten doch alles so liebe.
Ja, Liebe braucht stetige Bestätigung und Erneuerung
und meine Beziehung zu den Einstürzenden Neubauten
erfreut sich absolut bester Gesundheit.
Zwischendurch äugte ich ängstlich in den grossen
Saal um sicherzustellen, dass das Konzert nicht ohne mich
losging und auch noch nicht zuviele Nerds die Nähe
zur Bühne verstellten. Doch nix war los. Erst fünf
Minuten vor offiziellem Beginn eiste ich mich also los,
positionierte mich problemlos und konnte das komplette Konzert
lang meinen Dunkles-Becher auf dem Bühneboden tanzen
lassen (als ich herausgefunden hatte, dass man das auch
mit rein nehmen durfte, sah ich keinen Grund mehr im Saal
auf Plörre zu setzen, wenn es für 50 Cent mehr
- Trinkgeld inbegriffen - Wohlschmeckendes ohne Anstehen
bei gleichbleibender Entfernung zur Bühne gab).
Also: Neubauten genial auch am zweiten Tag. Wir hörten
neben "Seele brennt", "Sand" und einigem
Obskuren, das ich nicht alles kannte, auch allerlei Anekdoten.
Das Publikum war durchaus erlesener und interessierter.
Das schien auch den Akteuren zu gefallen, denen es sichtbar
lieber war, vor einem halbvollen Saal zu spielen, dafür
aber auf wahres Interesse zu stossen.
Nach den Neubauten wurde es dann allerdings leider ungemütlich.
Die Bühne wurde komplett geleert. Komplett! Jedes Staubkorn
wurde entfernt und bei dem Krempel den die da alles rumfahren
haben, dauerte das natürlich eine Zeitlang. War ja
lustig dabei zuzusehen, doch wie die Bühne immer leerer
wurde, verschwand auch etwas Vertrautes, Heimeliges.
Jochen Arbeits Stack blieb als einziges stehen und daneben
wurden zwei Tische aufgebaut, ein Laptop und allerlei KeineAhnungWas,
denn von unten konnte man nicht auf den Tisch sehen. Ich
stellte mir ein Gewirr an Kabeln und merkwürdiger Elektronika
vor. Ein unscheinbarer Typ machte dran rum und als dann
irgendwann das Licht ausging, wurde er einem als "Scanner
aus London" vorgestellt, der, als mir unbekannter Elektro-Akkustiker,
als Partner von Jochen Arbeit das Projekt "Soundscapes"
bildete.
Ich meine, der Saal hatte sich inzwischen weiter geleert,
eine Tendenz, die sich fortsetzte. Was die beiden zu hören
gaben, war erwartungsgemäss elektronischer Natur, super
auf alle Fälle, faszinierende, interessante Sounds,
manchmal mit ansetzendem Beat, glücklicherweise meist
aber nicht. Was Scanner auch immer da auf seinem Tisch tat,
Arbeit ergänzte das atmosphärisch mit der Gitarre,
stand dann aber gelegentlich auch seitlich an den Tischen
und drückte da auch auf irgendwelchen Drückern
rum. Das sah insgesamt blöd und nicht nachvollziehbar
aus. Livekonzerte leben ja davon, dass man sieht, was die
Akteure veranstalten. Hätte man wenigstens gesehen,
was da auf den Tischen vor sich geht, wäre das vielleicht
noch irgendwie interessant gewesen, so war es aber nach
einer Weile ermüdend. Das Licht mühte sich, Atmosphäre
zum Sound zu schaffen, doch das konnte auf Dauer nicht retten,
was die beiden Soundscapler vermissen liessen.
Ich liess mich also immer öfter im Cafe blicken, was
irgendwann dann doch auffällig wurde, denn der Barkeeper
griente mich schon durchdringend an und nötigte mich
mit jedem weiteren Bier einen zusätzlichen Jägermeister
mit ihm zu verdrücken. Ich war aber noch soweit erinnerungsfähig,
dass mir der Kontrollverlust des Vorabends einfiel und mich
vorsichtiger werden liess.
Drinnen wurde mir das Gedröhne nicht kurzweiliger.
Bei allem Respekt, hätte ich eine Uhr gehabt, hätte
ich angefangen, draufzukucken. Der Unansehnlichkeit zu entweichen,
hockte ich mich irgendwann im halbhinteren Saal an die Wand
auf den Boden und starrte gewiss nicht auf die Bühne,
um so der Musik mehr abzugewinnen. Funktionierte zwar, dennoch
spielten sie zu lang. Der Abend dauerte jetzt schon länger
an als der vorige und zeigte bereits deutliche Auflösungserscheinungen.
Mag sein, dass die Londoner da länger durchhalten,
aber ein durchschnittlicher Münchner Bürger, auch
wenn er Neubauten-Fan ist, pflegt den Dienstagabend nicht
zu überstrapazieren.
Als Soundscape dann, es tut mir weh, aber ich muss dieses
Wort einfach benutzen, ENDLICH aufhörten, erwartete
ich angesichts der Länge des bisherigen Programms beinahe
das Ende des Abends und war doch leicht überrascht,
als noch was kam. Mich hatte schon den ganzen Abend die
halbseitige Absperrung an der linken Hallenwand gewundert.
Günstigerweise stand ich im Weg rum und musste mit
den Worten "Dürfen wir mal, jetzt kommt nämlich
die Überraschung!" aus dem Weg gebeten werden,
als ein paar grosse starke Jungs sich an dieser Absperrung
zu schaffen machten und dahinter dutzende Tische hervorkramten
und in den folgenden Minuten auf der Bühne (daher musste
diese natürlich auch komplett geräumt werden)
und im halben Saal verteilten. Auf den Tischen: Trommeln.
Nichts als Trommeln und Becken. Man trat zurück, sah
zu , wunderte sich und dann traute man sich. Immer mehr
Leute näherten sich diesen Tischen und fingen an mit
den Händen auf den Trommeln zu patschen, sogar ich.
Da kam Andrew Unruh, dessen Projekt "Beat The Drum"
nun bevorstand und sagte auf seine unnachahmlich lockere
Art: "Wartet, wir verteilen gleich Sticks und spielen
gleich Musik ein, die als Anregung dient und dann sehen
wir einfach mal, was passiert ..." Gesagt getan. Eine
Minuten später trommelten die verbliebenden 150 Leute
wie die Berserker. Die eingespielten Musiken waren nicht
sooooooo sehr nach meiner Facon. Teils bekannte Hits, teils
Techno, teils auch ganz ok, unterm Strich aber hätte
hier eigenes Material doch die Würze ausgemacht.
Überall donnerte es also, jeder für sich, keine
gemeinsame Rhythmik. Unruh turnte immer irgendwo dazwischen
rum und machte energievoll mit (das Foto ist etwas verwackelt,
zeigt aber Unruh leuchtend inmitten seiner Epigonen und
bringt viel von der Dynamik der Aktion wider). Nette Idee,
bei aller Logistik aber vielleicht doch nicht gut genug
zuende gedacht. Das ging so eine halbe Stunde, dreiviertel
Stunde, ganze Stunde und ich suchte wo sich bei mir etwas
entzündete. Doch auch mit der Zeit war ich wenig entflammt.
Ich latschte aussen rum, mitten durch, sah mir das von hinten
und von vorne aus an. Die Trommler schienen mir zu sehr
mit sich selbst beschäftigt, wie Kinder. Versunken,
ohne Blick aufs Ganze. Am Ende jeder Runde, schritt Andrew
wie der Kammerjäger aus Hameln (oder wie hiess der?),
seine Stöcke wedelnd am Rand der Bühne entlang
und kündete ein neues Stück an. Ich hatte nicht
das Gefühl, dass ihn jemand beachtete. Es wurde spät.
Mein Impuls abzuhauen wurde immer grösser. Es waren
ausser mir und zwölf anderen nur noch Trommler im Saal.
Allerdings war wirklich auch jeder letzte Trommelplatz besetzt.
Und wer einmal angefangen hatte, der hörte nimmer auf,
auch wenn sie entweder völlig in Trance, manchmal auch
scheinbar gelangweilt und irgendwann auch erschöpft
wie Fliessbandarbeiter immer nur weiter machten, weiter
machten, weiter machten. Einer kriegte sogar Beinkrämpfe
aber keiner half ihm. Wahrscheinlich war genau das dann
doch das Ding bei der Geschichte. Ich beschloss noch mal
einen Song zu warten, mal sehen, ob nicht doch noch was
Interessantes passierte, doch als Unruh dann irgendwann
Kartons hinstellte und auf dem Boden liegende Sticks einsammelte,
war mir klar, dass es nun wohl nur noch drum ging, das Ganze
wieder irgendwie zu stoppen. Und so gerne ich das auch noch
miterlebt hätte ... es war schon halb drei oder so.
Der Barkeeper im Cafe wurde mir endgültig unheimlich
und ich hatte schon zwei Biere aus dem Saal geholt und war
einfach durch mit diesem Abend.
Drei Dekaden Neubauten. Was blieb? Zwei wundervolle Abende
und die Gewissheit, dass die Neubauten auch vier Jahre nach
ihrem letzten Album noch sehr sehr lebendig sind. Schade
wäre es natürlich, wenn sie sich gänzlich
in ihre Soloprojekte zurückziehen würden. Ja.
Ich hoffe es noch nicht, habe diesem Event aber durchaus
aus genau dieser Angst heraus so viel Beachtung geschenkt.
Wohlahnend. Bitte noch nicht!
| Setlist reguläres Set, 1. Tag |
Setliste Sideshow, 2. Tag |
The Garden
Befindlichkeit des Landes(Ufo,Rampe, Überl.)
Von Wegen
Die Interimsliebenden
Nagorny Karabach
Dead Friends
Unvollständigkeit
Installation # 1
Ich Hatte Ein Wort
Let´s do it DaDa
Haus der Lüge / Noise / Rampe
Sabrina
Susej
ENCORE I:
Headcleaner
Silence is Sexy
ENCORE II:
Redukt
Total Eclipse of the Sun
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Ein leichtes leises Saeuseln
Armenia / Rampe
Grundstück
November / sie Lächelt
Seele brennt
Sand |
(Ralf, 18.6.11)

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| Sa. 16.04.11 |
Wovenhand
- Freiburg,
Jazzhaus: Whoa! Schon lange nichts derart
Beeindruckendes mehr gesehen. David Eugene Edwards kreiiert
seine eigene musikalische und geistige Welt. Sitzt da völlig
erhaben und eigenwillig auf seinem Stuhl, ungeachtet was
sonst so in der Welt vor sich geht.
Der Enkel eines Wanderpredigers, der längere Teile
seiner Kindheit damit verbracht hat, mit dem Grossvater
von Stadt zu Stadt zu ziehen, ist versunken im Universum
biblischer Botschaften. Doch über sich fühlt er
das spirituelle Erbe der amerikanischen Ureinwohner und
unter sich das Land, das einst niemandem gehörte und
doch jemandem genommen wurde. Dies alles spiegelt sich in
seiner Musik und seinen Worten wieder, ist gehaltvoll, tiefgehend
und manchmal düster. Darin sieht Edwards aber nur die
Seriösität seines Schaffens, das er eben nicht
dazu macht, damit irgendjemand einfach nur oberflächlichen
Spass haben kann.
Edwards ist ein Star, eine äusserst charismatische
Figur, musikalisch wie persönlich. Wieviel davon Image
ist und wieviel er selbst, weiss ich nicht. Jedenfalls ist
das doch genau was wir sehen möchten. Langweilern begegne
ich jeden Tag wenn ich in den Spiegel sehe. Seine Gestik
auf der Bühne, seine Bewegungen haben etwas Irres,
Bedrohliches, aber auch Anziehendes. Seine Versunkenheit
wird nur ab und an durch einen fürchterlichen Blick
ins Publikum unterbrochen, was eine vollkommene Entrückheit
andeuten könnte, vielleicht aber auch Kalkül ist.
Sehr wahrscheinlich irgendwas in der Mitte. Jedenfalls macht
das Spass und Angst gleichzeitig. Und das war doch schon
immer die Anziehungskraft des Rock'n'Roll. Dazu spricht
mich seine Musik geradezu unerhört an.
Von den stets eingespielten unheilvollen Geräuschen
von Edwards Aufnahmegeräten unterlegt, bauen sich langsam,
sehr langsam die Songs auf. Dazwischen lange Passagen, Geräusche,
Töne vom Band und der Orgel und immer wiederkehrende
Textpassagen, fast rituell. Er spricht, singt, oft weit
vom Mikrofon entfernt, trommelt auf seinem Gitarrenkorpus
und manchmal steht einfach nur ein zitterndes Flirren im
Saal, kein Ton mehr, nur noch Spannung. Und der ganze Saal
ist ergriffen, kein einziger brabbelt hier mehr.
Durch das Brechen der Songstrukturen entsteht so ein Konzert,
das nur als Ganzes zu verstehen ist. Im letzten Dezember
gaben Wovenhand in der Roepean Kirche in Ottersum (NL) mit
einer leicht variierten instrumentalen Besetzung ein Konzert,
das im Februar im Rockpalast zu sehen war. Ich hab mir die
Roepaen Show erst nach dem Konzert hier in Freiburg angesehen.
Sie waren nicht gleich, aber recht ähnlich. Nur wenige
Songs des aktuellen Albums, ganz vereinzelte Songs von früheren
Alben, vieles noch nie gehört. Inwieweit sich diese
Konzerte von üblichen Wovenhand Shows unterscheiden
weiss ich leider nicht. Es dreht sich aber ganz sicher nicht
um normale Promo-Konzerte. Dafür wurden zu wenige Songs
des aktuellen Albums "The Threshing Floor" gespielt.
Ich hatte das Gefühl, dass diese Shows thematisch waren,
eine tiefe Verwurzelung zum indianischen Kulturgut hatten
und extra eingeprobt wurden. Es macht auch wenig Sinn, dass
Wovenhand im November/Dezember auf Europatour waren und
im April nochmal für wenige Shows eingeflogen wurden.
Sicher nicht, um dasselbe nochmals zu spielen wie vor einem
knappen halben Jahr. Wer mehr darüber weiss, darf mir
gerne schreiben. Dann werde ich diese Eindrücke hier
mit einfliessen lassen. Das Internet wusste jedenfalls nix
Genaueres.
Dies war jedenfalls ein wundervolles ergreifendes Konzert.
(Ralf, 29.4.11)
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| Fr. 15.04.11 |
Yesterday
Shop - Sonnenkeller,
Balingen: Die Wiederkehr zweier Balinger Jungs
(ehemals Nice-Haircut-Baby) mit ihren neuen Kollegen brachte
uns luftigen Wave moderner britischer Prägung. Sphärische
Gitarren, viel Synth-Gewabere, wimpiger Gesang und ein Laptop
auf dem mitten über die Bühne gestellten Biertisch,
das offensichtlich deutlich zum Sound beitrug. So ganz genau
hab ich das nicht beobachtet. Es waren zuviele ganz kleine
Menschen da, von denen ich mich, durch deren unruhigen Art
mehr irritieren liess und die mich immer wieder von meiner
Konzentration auf die Band ablenkten.
Die Band ist sehr gut, hat einen ausgezeichneten Sänger,
ist vielleicht nur noch etwas zu sehr an Vorbildern orientiert,
die wohl im englischen Shoegazer-Gefilde liegen, wobei mir
erstmal jemand erklären muss, was Shoegazer denn eigentlich
bedeutet. Das war in den 80ern mal die Beleidigung für
NewWave-Bands, die vor lauter Depression und Understatement
nur auf den Boden oder eben ihre Schuhe sahen. Das Gegenteil
von Showcase quasi. Wurde dann natürlich als Anti-Haltung
glorifiziert.
Bei Yesterday Shop ist die negativ-düstere Haltung weitgehendst
verschwunden, die Stimmung ist süsslicher, verträumter,
eher auf liebliche Art traurig. Da haben allerdings auch in
den 80ern schon viele der 4AD-Bands vorgearbeitet, bspw. die
Cocteau Twins, die die engen Grenzen des Wave weit überschritten
und eine Musik kreiiert haben, die heute noch unerreicht ist.
Bei Yesterday Shop musste ich sehr an Jeniferever aus Schweden
denken, die wir mal vor drei
vier Jahren in London sahen und die augenblicklich auch
wieder den europäischen Kontinent touren. (Ralf,
23.4.11)
|
| Mi. 13.04.11 |
Ceremony,
Lost
Rivers - Sonnenkeller,
Balingen: Das amerikanisch-deutsche Tourgespann
auf Durchreise im heimischen Sonnenkeller. Ceremony spielte
zuerst. Sie sind eigentlich fast gleich wie die Lost Rivers,
benutzten sogar deren Equipment und damit meine ich nicht
nur die Backline, sondern sogar die Lightshow, die bei den
Lost Rivers ja nur aus Strobos besteht, und das komplette
Effektboard der Gitarre.
Wir haben also zweimal auf Basis einer Wand von Feedbacks,
Verzerrung, Halls und Echos wavige Harmonien und Gesänge,
monotone Rhythmen und sich wiederholende Basslines.
Und wenn sich zwei Bands so ähnlich sind, dann darf
(oder muss) man sogar Vergleiche anstellen. Also:
1. Ceremony haben den melodiöseren Gesang, können
etwas besser singen, teils sogar mit Chorgesang, was etwas
mehr Variation in den Gesamtsound bringt.
2. Ceremonys Rhythmen sind treibender als bei Lost Rivers,
doch wie wir anschliessend feststellen sollten, driftet
LR nun auch in diese Richtung. Ich fand die etwas sperrigeren
Drums ihrer Frühphase besser weil experimenteller.
3. Die Lost Rivers haben den besseren Bandnamen.
4. Die Lost Rivers haben optischen Style, während Ceremony
in Säcken und komischen Turnschuhen dastehen.
Sollte ich wählen dürfen, würde ich also
immer noch die Lost Rivers vorziehen, auch wenn sie mir,
wie gesagt, langsam zu sehr der traditionellen Wave-Rhythmik
folgen. Das ist aber Jammern auf hohem Niveau. Die Lost
Rivers sind immer noch eine der interessanteren Bands der
Region. Da sie aber schon viele, manchmal auch sehr markante,
Änderungen in ihrer noch kurzen Karriere durchlaufen
haben, ist man immer auf der Lauer, was der nächste
Sommer bei ihnen bringt.
Fazit: Man braucht einfach die ganzen ausländischen
Bands nicht, solange die eigenen genausogut oder sogar noch
besser sind.
(Ralf, 23.4.11)
|
| Sa. 26.03.11 |
Christy
& Emily - Ravensburg,
Balthes (ca. 120 Zuschauer, knallevoll)
Ich konnte die ganze Nacht nicht schlafen. Die Schlagzeugerin
war schuld. Dabei dachte ich, dass Emily und Christy (das
New Yorker Duo, das seine letzte Platte bei Irmler - Faust,
Klangbad - aufgenommen hat) gar keine Schlagzeugbegleitung
haben. Als ich im überfüllten Balthes ankam, stellte
sich erstmal heraus, dass ich die Vorband Flufaffair, die
ich eigentlich unbedingt sehen wollte, schon verpasst hatte
und eine Frau alleine auf der Bühne stand und ganz ruhig
Gitarre spielte und sang. Es dauerte einen Moment, bis ich
mich akklimatisiert hatte und mir einen halbwegs passablen
Platz in der Meute erdrückt hatte. Dann aber stellte
sich heraus, dass das ganz seltsame interessant verwobene
Songs waren, gespielt auf einer linksrum gehaltenen Gitarre
mit normal aufgezogenen Saiten. Und wie gut ... UNGLAUBLICH!
Die Finger krakelten über das Griffbrett, zwängten
sich in Griffe, die ein normaler Mensch normalerweise nicht
zu sehen bekommt. Sowas kann einem ja auch keiner beibringen.
Wer links spielt, keine Linkshändergitarre nimmt und
noch nicht mal die Saiten umspannt, der wird zwangläufig
Autodidakt. Wahnsinn, was die Dame dann dabei zustande bekam.
Ja, und nach ein paar Songs sagte sie dann, "OK, nun
geh ich mal nach hinten, ich spiel nämlich bei Christy
und Emily Schlagzeug".
Gesagt getan. Die beiden Hauptakteure gesellten sich dazu,
ebenso wie ein Bassist. Auf dieser Tour, und nun wohl als
feste Begleiter auch auf der nächsten Platte, präsentieren
sich Christy & Emily also nun als komplette Rock-Besetzung.
Emily spielt Orgel und singt, Christy spielt Gitarre und singt.
Wir hören ruhige einehmende Indie-Kleinoden mit Hang
zum Ungewöhnlichen, Avandgardistischen. Mir gefiel nicht
jeder Song, doch im Ganzen fand ich's am Ende richtig toll.
Dabei hab ich nur auf die Schlagzeugerin gekuckt, denn diese
Frau ist ein Multitalent. Sie spielte HERVORRAGEND. Ich hab
schon lange kein so interessantes Drumming mehr gehört
und gesehen. Sie schaffte es jedem Song genau die richtigen
Akzente herauszuarbeiten, um somit jeden Song auch wirklich
zu bereichern. Das Schlagzeug wurde zum gleichwertigen Instrument,
nicht nur Begleitung. Und in jedem Song spielte sie anders.
Das war für mich das ganz besonders Herausragende an
Christy und Emily, auch wenn es weder Christy noch Emily waren.
Die neue Drummerin ist hier schon links im Bild zu sehen.
(Ralf, 22.4.11)
|
| Mi. 16.03.11 |

Burn Baby Burn Tour
- München,
Muffat Ampere (ca. 70 Zuschauer)
Ein Abend der Superlative: Top-Quality Entertainment, überraschend,
gruselig, lustig, unfassbar. Wir haben gelacht und wir haben
uns gefürchtet. Mehr konnte man nicht erwarten, auch
wenn man dieses Ereignis leider nur in intim-zurückhaltender
Atmosphäre feiern durfte.
Vorweg war uns nicht wirklich klar, was es zu sehen geben
sollte. Angekündigt waren Alex Hacke (Einstürzende
Neubauten), der dieser Tage mit seiner Frau Danielle de
Picciotto eine neue LP als Hitman's
Heel veröffentlichte, Kid
Congo Powers (das alles schlagende Argument, das mich
die Eintrittskarten in panischem Aktionismus bestellen liess,
fast als müsste man jede Sekunde damit rechnen, dass
alles ausverkauft ist. Wem muss ich Kid Congo Powers erklären?
Kid ist legendärer Gitarrist beim Gun Club, den Cramps,
bei Nick Caves Bad Seeds, den Divine Horsemen und mehr.
Solltest Du keine dieser Bands kennen, dann bist Du entweder
sehr jung und wirst auf der Stelle alles Menschmögliche
unternehmen alle diese Bands kennenzulernen oder der Zugriff
auf diese Website wird für Dich in Kürze automatisch
gesperrt), eine mir nicht bekannte, aber wohl umso legendärere
Person namens Khan und die mir ebenfalls vorher nicht bekannte
Julee Cruise ... noch nicht.
Aber von Beginn an: Spärlich spärlich fand sich
das Publikum ein ... und es wurde nicht besser. Ich würde
mal sagen, zieht man die Gästeliste ab, waren das kaum
30-40 Leute. Wenn man bedenkt, dass dies ausser Berlin der
einzige Auftritt dieses einzigartigen Ensembles in Deutschland
war, könnte man das eine glatte Schande nennen. Ich
habe immer mehr das Gefühl, dass die Leute momentan
überhaupt gar nichts interessiert, ausser vielleicht
die spassgesellschaftskonformen Massenveranstaltungen. Musikalische
Kunst aber ... das zieht momentan nicht. Ich glaube, wir
befinden uns derzeit in einem historischen Vakuum, einer
musikalischen Eiszeit. Alles langweilt, nichts reisst vom
Hocker. Die Leute warten auf die neuen Stones oder wegen
mir den neuen Curt Cobain, auf irgendwas, das sie mit Urgewalt
aus ihrer Lethargie reisst. Und Hacke und Co. sind das bei
allem Respekt natürlich auch nicht. Wollen sie auch
gar nicht sein. Dennoch eilt diesem Line-Up eigentlich soviel
Credibility voraus, dass ich mich für alle mitschämte,
die nicht da waren. Wie konnte man das dem armen Alex nur
antun, wo er doch soviel für die deutsche Musikwüste
getan hat? Als ich die Neubauten das erste Mal sah, war
das wirklich wie eine Götterdämmerung. Und immer
noch gehören sie zum Besten und Revolutionärstem,
was die deutsche Rockgeschichte je hervorgebracht hat.
Ganz bescheiden zeigte sich der äusserst sympathische
und natürliche Gastgeber und Initiator dieser Veranstaltung
mit seiner Band Hitman's Heel als erster Akteur des Abends.
Er spielt Gitarre und singt, am Keyboard und an der Zither
seine süsse Frau Danielle und stehend am Drumset der
Hugo Race' Drummer Chris Hughes. Damit war die erste Supergroup
des Abends schon mal perfekt und bereits nach 5 Sekunden
breitete sich das wohlige Gefühl des Die-Anreise-hat-sich-gelohnt's
aus. Wir bekamen intime skurrile Balladen zu hören,
zwischen Blues und Industrial, liebevoll, böse, kindlich,
schön. Dazu liefen im Hintergrund riesige Animationen
von Picciotto. Das war schon mal sehr ergreifend. Hacke
sah in seinem schlecht sitzenden Anzug aus wie ein staubiger
Handelsvertreter, der in die falsche Zeit versetzt wurde,
Picciotto mit Kleidchen und Hütchen und Blümchen
in den Haaren wie ein verwunschenes Kind aus einem Märchen,
das sie sich selbst ausgedacht hat. Dazu der im Stehen trommelnde
Hughes, der ziemlich unsicher immer wieder auf Hackes Einsätze
lauerte, damit er die nicht total verpatzte. Von den Bewegungen
sah das aus, als hätte er heute zum ersten Mal in seinem
Leben Trommelstöcke in der Hand gehabt. Den Beat hielt
er sauber, doch er hatte einfach die Songabläufe nicht
richtig intus und bei jedem Übergang blies er hinterher
die Backen auf wie ein Blaseengel. "Puh! Geschafft!"
Wirklich ein niedliches Trio. Sympathisch, bescheiden, etwas
wackelig, dennoch sehr ergreifend und kunstvoll. Man wollte
sie alle umarmen.
Bühne
frei für Kid, Khan und Julee. Jetzt begann das Unfassbare,
das Unerbittliche, eine Geisterfahrt auf dem Karussell der
Emotionen. Es gibt mittlerweile einige Videos im Internet
von dieser Veranstaltung, die mir ersparen, das Unbeschreibliche
in Worte zu fassen. Einfach "Kid Congo Powers Khan"
ins Google tippen, meine Freunde, und dann seid Ihr mit
uns. Kid mit beigem Anzug, weissen Turnschuhen, kurzgeschorenen
Haaren und lustigen Bewegungen sah aus wie ein ein Komiker.
Khan (im richtigen Leben auch als Captain
Comatose bekannt, Autor und Produzent einer wahrhaft
unendlichen Liste an Platten und Projekten) am Keyboard,
ein riesiger Schlacks mit hellrotem Anzug über weissem
Tshirt und ebenfalls weissen Turnschuhen und am Gesang die
völlig durchgeknallte Julee Cruise, eine leicht gealterte
Frau mit blonder 80er-Frisur, einem langen schlapprigen
weissen Unförmigem als Top, darunter schwarze enge
Hose und Badelatschen. Was die drei machten, liess einem
die Augen rausfallen, den Mund aufklappen und sich heimlich
nach links und rechts drehen, um deren Wirkung auf die anderen
Leute zu beobachten, vielleicht sogar eine versteckte Kamera
zu suchen. Was die mit uns trieben, da wusste man nicht
mehr, ob die einen verarschen, ob das Komik, Ironie, Geisterbahn
war, ob jetzt gleich die Tür zugeht und wir für
den Rest des Lebens mit denen eingeschlossen sind, oder
ob jetzt gleich einer anfängt zu lachen und sagt: "Mensch,
wir haben doch nur Spass gemacht." Die trugen das aber
mit dem vollsten Ernst des in seiner eigenen Welt agierenden
Avandgardisten vor und ... mein Gott ... das hatte Qualität
und Hand und Fuss und wurde aus dem Ärmel geschüttelt,
als wäre niemals etwas leichter gewesen, als diese
Musik zu machen. Keyboards, Loops, bescheiden im Hintergrund
bleibende Beats, Congos scheppernde Gitarre (ich behaupte,
der kann nun wirklich ganz und gar nicht Gitarre spielen.
Eigentlich macht er nur Krach, schiesst grelle hirnspaltende
Dissonanzen ins Weltall und wenn er tatsächlich mal
ein paar Töne in gleicher Reihenfolge hintereinander
spielen muss, beisst er sich auf die Zunge und verfolgt
konzentriert die Wege seiner unbeholfenen Finger) und eine
ganz und gar furchterregende Julee Cruise, deren himmlischer
Gesang das eine war, die vom Wahnsinn angetriebene Gestik
das andere. Meine Angst vor dieser Frau hatte etwas Vollkommenes.
Julee kennt man von der Twin Peaks Melodie "Falling".
Sie hat den Song mit Bandalamenti geschrieben und gesungen.
Und wie die Frau kuckte und sich bewegte, das war David
Lynch-Feeling pur. Nur, dass man nicht im Kinosessel sass,
sondern mittendrin war. Die konnte ja jederzeit runterkommen
und einen anhauchen, um Gottes Willen. Ich hab dann tatsächlich
mutig durchgehalten, die Tür aber immer im Auge, damit
ich schnell wegrennen konnte, wenn sich die Situation zuspitzen
sollte.
Nach einigen wirklich schönen und seltsamen Songs stolperte
sie dann, sich an der Wand entlang tastend, die Arme und
das Gesicht auf eine nur für sie sichtbare übergeordnete
Instanz gerichtet, aus dem Bild, setzte sich hinter die
Wand des Merch-Stands und dann schafften es Khan und Powers
wie zwei Zauberer meine Aufmerksamkeit auf sich zu richten,
so dass ich leider nicht mehr sehen konnte, wie Cruise dann
von dort verschwand. Ob sie plötzlich normal war und
kichernd davon lief oder was auch immer sie tat. Ich wollte
es wissen, hab's aber verpasst.
Übergangslos rockten sich Khan und Powers nun nämlich
durch eine Reihe elektronisch getriebener Disco-Songs. Man
muss das gesehen haben, um es zu glauben. Khan breitete
einen metergrossen bunten Fächer aus, stülpte
ihn sich über den Kopf, stützte sich lässig
auf den Mikroständer und sang voller Ernst und Inbrunst
"You are my Candy Girl, you are my Lollipop, you're
the sweetest I've ever had" oder so ähnlich. Ich
vergass zu blinzeln, holte mir noch ein Bier und nippte
apathisch daran herum, auf die Bühne starrend wie ein
Kind, das zum erstemal im Leben den Kasper sieht.
Nick und Lydia (Cave und Lunch), das aufgestylte Teenagerpärchen,
das, wie Daniel und ich, als allererste an der Saaltür
standen, scharrend, nervös, schon fünf Minuten
bevor die Tür überhaupt aufmachte, denen muss
echt die Spucke im Hals gefroren sein, witzelten wir.
Und dann kam sie noch mal: Julee Cruise. Da war Lydia Lunch
am Tag zuvor überraschenderweise nur mit heisser Luft
geladen. Sie sang "Falling" und Kid Congo's sehnsuchtsvoller
Blick in die oberen Abteilungen des Saals bewiesen, dass
diese einfache Melodie voller Kraft ist. Auch wir waren
ergriffen.
Und dann war plötzlich alles vorbei. Zu einer Zugabe
kamen noch mal alle Akteure des Abends gemeinsam auf die
Bühne und sangen den alten Jodler "Goo Goo Muck".
Cruise tänzelte dabei wieder völlig neben sich
herum, gestikulierte wild mit den Armen in der Luft und
hielt Hacke das Mikro ins Gesicht, auch dann noch als es
schon lange nichts mehr zu singen gab.
Wir harrten noch lange aus, tranken noch einige Biere und
liessen das Geschehene Revue passieren. Die Akteure, ausser
Julee Cruise, sassen am Merch, alberten mit ihren Gästen
herum, liessen sich vom spärlichen Erfolg nicht die
Laune verderben und packten anschliessend selbst ihren eigenen
Krempel wieder zusammen.
So richtig kam uns aber erst am nächsten Tag, was wir
da gesehen hatten. Wir trieben uns noch durch München,
kauften Schallplatten und sprachen nur über ... Burn
Baby Burn. Danke für diesen Abend.
(Ralf, 22.4.11)
|
| Di. 15.03.11 |
Big
Sexy Noise - Stuttgart,
Schocken (keine 100 Zuschauer) Foto
by Evil
Naja, hab ja ganz schön Vorschusslorbeeren reingepumpt
in die gute Lydia. Und dann fand ich sie einfach nur ...
unscheinbar. Die Grand Dame des New Yorker Undergrounds,
eine der allergrössten Stilikonen des New Yorker Undergorunds
überhaupt, machte nicht die beste Figur und wurde von
ihrer Begleitband übertrumpft. Haushoch! Und zwar mit
den Mitteln der Kunst. Die Jungs von Gallon Drunk waren
einfach eine sausaugute Band und Lydia wirkte davor blass.
Man wünschte sich eine bessere Sängerin und Performerin
zur Band.
Sie lebt halt von ihrem Legendenstatus und den hat sie gottverdammichnochmal
so verdient wie sonst niemand. Ich würde ihr ohne zu
zögern das Undergroundverdienstkreuz höchsten
Ranges verleihen. Sie gehört zu den wichtigsten 10
Underground Amis. Live fand ich sie aber Anfang der 90er
schon eher wenig eindrucksvoll. Auch da war es vorallem
die Person, die man mal so in Fleisch und Blut sehen wollte.
Auch damals war die Band die Welt (mit Rowland S. Howard)
und die Dame das Zugpferd.
Nachdem sie aber die letzten 15 Jahre musikalisch eher weniger
auffällig und in Gefilden verweilte, die sich mir nicht
direkt erschlossen, war Big Sexy Noise ein Comeback in unseren
Wassern, das aufmerken liess. Die Collaboration mit Gallon
Drunk ohnehin. Lydia grunzt und raunt mehr als früher.
Auf Platte gefiel mir das zunächst gut. Die penetrante
Sirene von früher wich direkter Bosheit, auch stimmlich.
Live konnte sie sich damit aber nicht durchsetzen. Die Stimme
fiel im Gesamtbild ab. Entweder sie kann nicht mehr oder
sie hat absichtlich aufs falsche Pferd gesetzt.
Zudem war die Band Welten besser als auf Platte. Der Sound
ist von einer tiefen, sehr gefühlvollen aber auch sehr
noisigen Gitarre dominiert, die zusammen mit einer verzerrten
Orgel blutig erotische, hüftenerregende Weisen monoton
vibrierender Urzeit-Blueser in die Nacht zittert, gekontert
von einem unnachgiebig swingenden Drum. Das ist unaufhaltsames
atavistisches Rotlicht, eben die Big Sexy Noise, wie's der
Name schon sagt.
Doch Lydia wirkte darauf fast schon zahm, obwohl man vorher
gesagt hätte, dass da niemand besser dazu passen würde
als sie.
Sie sparte zwar nicht mit Breitseiten an ihre Jungs, doch
die standen da drüber, waren auch mit blauen Augen
(war wohl gegen die Tür gelaufen, der gute Johnston,
haha) souverän wie junge Hengste.
Bei aller Kritik: Mir gefiel's vom ersten Ton an. Der wogende
Sound der Band war sensationell. Sie hatten genau das, was
grosse Musik hat: Einen einzigen einfachen aber unwiderstehlichen
Riff der einen einzigen unwiderstehlichen Beat kontert und
dadurch die Hüfte in Schwung bringt. Und trotzdem wirds
nicht langweilig, denn die Songs sind in ihrer Einfachheit
abwechslungsreich. Was hätte ich dafür gegeben,
das in einem brennenden Londoner Club zu sehen anstatt an
einem kühlen Dienstag in einem Land in dem gerade musikalisch
niemanden irgendwas interessiert und ein kaum lässig
halbgefüllter Schocken noch viel Platz zum Atmen liess
(was ich ja schätze, was aber für das Desinteresse
unserer Mitbevölkerung spricht).
Die Platte zur Tour hält übrigens nicht was das
Konzert versprach. Ich höre nicht diese wunderbare
Gitarre. Der klangliche Fokus liegt nicht auf Sex sondern
auf nerviger Aufdringlichkeit. Ich höre nur Blech und
ein permanent quiekendes Saxofon. Das ging live viel mehr
in den Hintergrund und der Beat und die Riffs standen im
Zentrum. Lunch ist beidesmal gleich schlecht. Auch ihre
textlichen Aussagen sind für ihre Verhältnisse
nicht aufregend. Ich bin trotzdem froh, sie nochmal so gesehen
zu haben. Wer weiss, was als nächstes kommt.
(Ralf, 18.3.11)
Hier nochmal meine Ankündigung vor dem Konzert, die
etwas mehr Hintergrundinformationen und einen emotional
aufgewühlten Feuermann zeigt:
Manchmal kommt ein Wölkchen aus dem Himmel geflogen
und setzt sich auf das Haupt eines einsamen Jünglings
und sagt ihm: "Das Glück ist da!" Und dann
sieht der Jüngling sich um und nach 1991 und weiss
nicht mehr wann im VS Bahnhof darf der nun doch nicht mehr
ganz so junge R. noch mal das nicht mehr erwartete Glück
erahnen die grosse Angry Diva namens Lydia Lunch live zu
sehen ... und sogar noch mit dem vielversprechendsten Projekt
(zumindest aus Sicht eines Liebhabers der New Yorker NoWave
Szene der 80er), das sie die letzten Jahre aus dem Boden
gestampft hat: Big Sexy Noise, eine Zusammenarbeit mit Gallon
Drunk, der sagenumwobenen Londoner Band, deren Sänger
James Johnston sich schon anfangs der Neunziger hingebungsvoll
zu unseren Füssen warf (oder fiel ... so geschehen
auf Gallon Drunks D-Tour zum ersten Album, wo es Johnston
regelmässig jesusmässig, Gitarre noch umgehängt,
Monitore mitnehmend, von der Bühne schlug, eieiei,
war das köstlich). Eine brennende Kooperation.
Lunch ist die neben den Swans und Sonic Youth noch aktivste
Künstlerin dessen was man damals dann als NoWave bezeichnete.
Als in Europa die Sex Pistols gerade mal anfingen, war New
York damit bereits durch und Bands wie Teenage Jesus And
The Jerks, mit Lydia als Gitarristin und Sängerin,
trieben die Generation bereits zur nächsten Depression
(dem unbedarften Nichtkenner des NoWaves soll gesagt sein,
dass Depression hier nicht negativ, sondern gerade als Höhepunkt
zu verstehen ist - meingott, was man heute nicht alles erklären
muss). Alle ihre Bands waren kurzlebig, lebten so schnell
auf und gingen so schnell unter wie eine Rasierklinge am
Puls einer Stadt, deren Gottverlassenheit solche Kinder
wie Lydia Lunch gebiert. In den mittleren 80ern machte sie
vorallem durch ihre Filme mit Richard Kern und Nick Zedd
Furore. Das Cinema of Transgression, indem auch Sonic Youth
ihren Platz fanden, lebte auf und trieb Sex, Gewalt und
Kunst auf bis dahin nicht gekannte Ebenen. Lydias Filme
"The Right Side Of My Brain" und "Fingered"
sind in der Underground Szene was die Beatles für den
Beat waren. Wegbereiter, Trendsetter, Götterdämmerung.
Im New Yorker Underground passierte in den 80ern nichts
Spannendes an dem Lydia nicht beteiligt war.
Sie sang, sie schrieb, sie musizierte, sie agierte. Sie
wurde zum Vorreiter der Angry Women Bewegung, Lichtjahre
bevor ein paar lahme Enten das Riot Grrrl-Movement begründeten
und doch immer nur ein Hauch der Durchschlagskraft, den
Extremen, der Bedingungslosigkeit einer Lydia Lunch blieben.
Lydia war immer sich selbst. Und opferte Seele und Körper
der Kunst, nein, vielleicht muss man das eher als Zwanghaftes
Hingeben sehen, Selbstdarstellung bis zur Selbstaufgabe,
als Selbstzweck, einziges Mittel der Selbstheilung. Kooperationen
mit Cave, Sonic Youth, den Swans, Henry Rollins, Neubauten,
Die Haut, Rowland S. Howard, Foetus und vielen mehr.
Und nun ist es 2011, Lydia Lunch ist 51 Jahre alt ... und
wütend wie immer. Lasst Euch das nicht entgehen. |
| Sa. 12.03.11 |
Pub
La Bomba, Navigator
- Sonnenkeller,
Balingen (ca. 60 Zuschauer):
Was für ein lustiger Abend. Wenn Hafi nicht gewesen wäre,
hätte ich wohl nicht nach Hause gefunden. Ich halte es
da ja absolut mit Dean Martin, der meinte, dass ein Mann solange
nicht betrunken ist, wie er flach auf dem Boden liegen kann
ohne zu schwanken. Doch als ich nicht mehr wusste wer zweiter
der Bundesliga ist, wurde mir klar, dass ich doch ... sagen
wir ... leicht beschwipst war. Immerhin hab ich die Schuhe
ausgehabt, als ich morgens aufwachte.
Insgesamt war's geradezu familiär. Man kannte fast jeden
im Laden und hatte daher immer irgendwo was zu klönen.
Da die Satanics-Portugal-Tour-Gemeinschaft aber wiedervereint
war, und alle unisono einen Backflash hatten, mussten sich
auch viele Leute Gerede anhören, das wohl weniger interessant
für sie war, die Armen. Navigator
fand ich überraschend gut. Sind ne richtige Maschine
geworden, spielerisch perfekt zusammengewachsen und auch kompositorisch
haben sie deutlich zugelegt. Nicht ganz mein Geschmack, ihr
Metal-Core mit modern-melodischem Gesang, aber gut gemacht
allemal. Pub La Bomba dann wieder absolut
on top. Ihre Rhythmik ist unschlagbar. Drums, Gitarre, Bass
und Gesang laufen genial gegeneinander und machen daher den
tanzbarsten Hardrock, den ich je gehört habe. Das klingt
vital und mitreissend. Die neuen Songs finde ich fast ausnahmslos
auch super. Bringen interessante Wendungen rein ohne den alten
Grund und Boden ganz zu verlassen. Am nächsten Tag hab
ich ihre letzte Platte aufgelegt und bekam vor den vielen
superlativen Begriffen, die mir dazu einfielen, kaum mehr
Luft. Das Ding zerreisst Dich echt in der Mitte. Pub La Bomba
sind richtig gross. Schade, dass es kaum jemand weiss.
(Ralf, 19.3.11)
|
| Sa. 22.01.11 |
Gay
Bar Zine #3 Releaseparty - Balingen,
Jugendhaus Insel (100 Zuschauer):
Die dritte Printausgabe ist fertig. Das musste gefeiert werden
und die Damen und Herren Gay Bar taten das mit einer amtlichen
Party mit amtlichen Livebands. Der Laden voll, die Stimmung
gut, die erste Band bereits feste am Hantieren: Clap
Your Hands Twice. Die Punkrockers aus den Bergen,
seit längerem mal wieder im Tal. Leider nicht ihr intensivster
Auftritt. Man merkt, dass sie gerade nicht soviel Live-Praxis
haben. Es war ok, aber wenn man die Band schon ein paarmal
gesehen hat, weiss man, dass sie noch viel besser können.
Dafür kommt demnächst ein neues Album. Hysterese
waren die grossen Spannungsträger des Abends, ein neues
Projekt von Helen und Moritz, die Tübinger Alicja und
Jay, den Zentralpersonen der Derby Dolls. Am Schlagzeug sass,
nicht mehr ganz überraschend, David von den Mokicks,
ausserdem Herausgeber und langjährige treibende Kraft
des Gaybarzines. Apocalyptischer Punkrock, immer geradeaus,
in den treibend monoton-hypnotischen Momenten fast wie Shellac.
Moritz hysterische "Gesänge" gekontert von
Helens tiefer Taubenröhre. Und immer nach vorne, immer
geradeaus, immer nach vorne, schnörkellos, immer nach
vorne, mitreissend. Hat mir super gefallen.
Bislang gelingt Helen und Moritz alles was sie anpacken. Ich
hoffe nur, dass sie sich nicht eines Tages genauso verzetteln
wie ihre Vorbilder. Am Ende "A Forest" tat mir dann
leider etwas weh. Ich war mal Fan, ca. 1986. Da hab ich mir
ne Überdosis geholt. Ich kann mit the Cure nicht mehr.
Nie wieder. Da ist meine Toleranzfähigkeit erschöpft
erschöpft erschöpft. Und noch mal erschöpft.
Egal. Tut dem Gesamteindruck keinen Abbruch und offensichtlich
bin ich der einzige, der den Dunkel-Pop spätpubertierender
Schwarzröcke der frühen Achtziger nimmer hören
kann. Liberty
Madness, der Beweis, dass die Schöpfungsgeschichte
nicht vorhersehbar ist, indem sie uns vier jugendliche Liebhaber
des metalfreien Hardcore-Punks der Frühzeit vor Augen
führt. Hab ich hierzulande bereits mehrmals gelobt. Leider
ist der Überraschungsfaktor der Ludwigsburger nun verblichen
und die Musik muss sich einem nicht mehr übertölpelbaren
zugekniffenen Auge stellen. Dabei zog bei mir erstmals eine
leichte Ernüchterung ein, da viele der Songs auch ein
wenig an einem vorbeibrettern, gute Akzente gehen im kompositorischen
Durcheinander unter. Dennoch gefällt mir natürlich
die Einstellung der Band. Das ist Chaos pur. Die leben ihr
Ding. Und wo die jetzt wieder diesen neuen Drummer her haben?
Sowas fällt doch nicht vom Himmel? Also ich fühl
mich wohl mit denen. (Ralf, 4.2.11)
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